|
Die Regentrude
Theodor Storm
Einen so heissen Sommer, wie nun vor hundert Jahren, hat es seitdem nicht
wieder gegeben. Kein Gruen fast war zu sehen; zahmes und wildes Getier
lag verschmachtet auf den Feldern.
Es war an einem Vormittag. Die Dorfstrassen standen leer; wer nur konnte,
war ins Innerste der HAeuser gefluechtet; selbst die Dorfklaeffer hatten
sich verkrochen. Nur der dicke Wiesenbauer stand breitspurig in der
Torfahrt seines stattlichen Hauses und rauchte im Schweisse seines
Angesichts aus seinem grossen Meerschaumkopfe. Dabei schaute er
schmunzelnd einem maechtigen Fuder Heu entgegen, das eben von seinen
Knechten in die Diele gefahren wurde.--Er hatte vor Jahren eine bedeutende
Flaeche sumpfigen Wiesenlandes um einen geringen Preis erworben, und die
letzten duerren Jahre, welche auf den Feldern seiner Nachbarn das Gras
versengten, hatten ihm die Scheuern mit duftendem Heu und den Kasten mit
blanken Krontalern gefuellt.
So stand er auch jetzt und rechnete, was bei den immer steigenden Preisen
der Ueberschuss der Ernte fuer ihn einbringen koenne. "Sie kriegen alles
nichts", murmelte er, indem er die Augen mit der Hand beschattete und
zwischen den Nachbarsgehoeften hindurch in die flimmernde Ferne schaute;
"es gibt gar keinen Regen mehr in der Welt." Dann ging er an den Wagen,
der eben abgeladen wurde; er zupfte eine Handvoll Heu heraus, fuehrte es
an seine breite Nase und laechelte so verschmitzt, als wenn er aus dem
kraeftigen Duft noch einige Krontaler mehr herausriechen koenne.
In demselben Augenblicke war eine etwa fuenfzigjaehrige Frau ins Haus
getreten. Sie sah blass und leidend aus, und bei dem schwarzseidenen
Tuche, das sie um den Hals gesteckt trug, trat der bekuemmerte Ausdruck
ihres Gesichtes nur noch mehr hervor. "Guten Tag, Nachbar", sagte sie,
indem sie dem Wiesenbauer die Hand reichte, "ist das eine Glut; die
Haare brennen einem auf dem Kopfe!"
"Lass brennen, Mutter Stine, lass brennen", erwiderte er, "seht nur das
Fuder Heu an! Mir kann's nicht zu schlimm werden!"
"Ja, ja, Wiesenbauer, Ihr koennt schon lachen; aber was soll aus uns
andern werden, wenn das so fortgeht!"
Der Bauer drueckte mit dem Daumen die Asche in seinen Pfeifenkopf und
stiess ein paar maechtige Dampfwolken in die Luft. "Seht Ihr", sagte er,
"das kommt von der Ueberklugheit. Ich hab's ihm immer gesagt; aber Euer
Seliger hat's allweg besser verstehen wollen. Warum musste er all sein
Tiefland vertauschen! Nun sitzt Ihr da mit den hohen Feldern, wo Eure
Saat verdorrt und Euer Vieh verschmachtet."
Die Frau seufzte.
Der dicke Mann wurde ploetzlich herablassend. "Aber, Mutter Stine", sagte
er, "ich merke schon, Ihr seid nicht von ungefaehr hergekommen; schiesst
nur immer los, was Ihr auf dem Herzen habt!"
Die Witwe blickte zu Boden. "Ihr wisst wohl", sagte sie, "die fuenfzig
Taler, die Ihr mir geliehen, ich soll sie auf Johanni zurueckzahlen, und
der Termin ist vor der Tuer."
Der Bauer legte seine fleischige Hand auf ihre Schulter. "Nun macht Euch
keine Sorge, Frau! Ich brauche das Geld nicht; ich bin nicht der Mann,
der aus der Hand in den Mund lebt. Ihr koennt mir Eure Grundstuecke dafuer
zum Pfand einsetzen; sie sind zwar nicht von den besten, aber mir sollen
sie diesmal gut genug sein. Auf den Sonnabend koennt Ihr mit mir zum
Gerichtshalter fahren."
Die bekuemmerte Frau atmete auf. "Es macht zwar wieder Kosten", sagte sie,
"aber ich danke Euch doch dafuer."
Der Wiesenbauer hatte seine kleinen klugen Augen nicht von ihr gelassen.
"Und", fuhr er fort, "weil wir hier einmal beisammen sind, so will ich
Euch auch sagen, der Andrees, Euer Junge, geht nach meiner Tochter!"
"Du lieber Gott, Nachbar, die Kinder sind ja miteinander aufgewachsen!"
"Das mag sein, Frau; wenn aber der Bursche meint, er koenne sich hier in
die volle Wirtschaft einfreien, so hat er seine Rechnung ohne mich
gemacht!"
Die schwache Frau richtete sich ein wenig auf und sah ihn mit fast
|
|