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 English-German by Honig, Winfried Page 1  

'\'\\nglobaltraveler5565@yahoo.com and proofread by Dr. Mary Cicora,\\r\\nmcicora@yahoo.com.\\r\\n\\r\\n\\r\\n\\r\\n\\r\\n\\r\\nSchnock\\r\\nEin niederlaendisches Gemaelde\\r\\n\\r\\nFriedrich Hebbel\\r\\n\\r\\n\\r\\n\\r\\nErstes Kapitel\\r\\n\\r\\n\\r\\nZur Einleitung\\r\\n\\r\\n\\r\\nIn dem kleinen Marktflecken Y., wo sich jeder Reisende gern so lange\\r\\naufhaelt, als er muss, naemlich so lange als die Post ausbleibt, traf\\r\\nich in den Hundstagen des Jahres 1836 zum letztenmal ein. Der Ort\\r\\nist einer von denen, wo man nur auf dem Leichenacker erfaehrt, dass\\r\\nMenschen darin leben, weil eine Reihe ehrwuerdiger Grabsteine, die man\\r\\nnicht Luegen zu strafen wagt, versichern, dass Menschen darin sterben.\\r\\nDiesmal kannte ich ihn nicht wieder, und ich wuerde geglaubt haben,\\r\\nder Postillon sei fehlgefahren, wenn sich nicht der mir unvergessliche\\r\\nPostmeister, eine lange, duerre, windschiefe Figur, die sich scheu und\\r\\nverlegen in jede Ecke drueckt, als ob sie schon durch ihre blosse\\r\\nExistenz zu beleidigen fuerchte, aus der Tuer geschoben, und so meine\\r\\nZweifel verscheucht haette. Alle Strassen naemlich, durch die ich kam,\\r\\nwaren gedraengt voll von Leuten; kein Fenster, aus dem nicht mehr\\r\\nKoepfe haetten herausschauen wollen, als Platz fanden; auf dem\\r\\nKirchturm selbst konnt\\\' ich deutlich Hauben und flatternde Schals\\r\\nunterscheiden, und jedes Gesicht, von der alten, halberblindeten\\r\\nBettelfrau an, die sich muehsam mit der rechten Hand auf ihren Stab\\r\\nstuetzte und mit der linken die Brille aufsetzte, bis zu dem kleinen\\r\\nweiss gekleideten Maedchen mit seinen blonden Locken herunter, trug den\\r\\nAusdruck der gespanntesten Erwartung. \\\"Was gibt\\\'s denn,\\\" fragte ich\\r\\nden Postmeister, \\\"ist\\\'s Jahrmarkt heut?\\\"--\\\"Den 16. hujus gewesen.\\r\\n\\\"--\\\"Feiert der Amtmann oder der Stadtpfarrer das\\r\\nDienstjubilaeum?\\\"--\\\"Herr Pastor primarius Nothnagel hat\\\'s schon\\r\\ngefeiert und ist an den Folgen des Schmauses gestorben, und unser\\r\\nHerr Amtmann darf in den naechsten vierzig Jahren an die Ehre noch\\r\\nnicht denken, dazu ist er, mit Erlaubnis zu sagen, noch viel zu jung.\\r\\n\\\"--\\\"Gibt\\\'s denn Aufstand? Rebellieren die Buerger? Empoert sich, was\\r\\nHosen traegt?\\\"--\\\"Bewahre uns Gott vor Rebellion! Dazu haben wir auch\\r\\ngar keine Zeit, man muss sich tummeln, ums liebe Brot zu verdienen und\\r\\ndie hohen Steuern zu erschwingen. Nein, die Sache, es kurz zu\\r\\nvermelden, ist die. Ein hoechst gefaehrlicher Verbrecher, ein\\r\\nBoesewicht, der einen greulichen Diebstahl begangen hat und einer\\r\\nMordtat faehig gehalten wird, wurde gestern zur Haft gebracht und\\r\\nheute, als ihm der Gefangenenwaerter das Fruehstueck in den alten\\r\\nverfallenen Turm bringen wollte, vermisst. Da hat denn der Amtmann\\r\\ndie gesamte Buergerschaft aufgeboten, um ihn wieder einzufangen, und\\r\\nwie man vernimmt, so ist\\\'s, wunderbar genug! geglueckt. Nun ist man\\r\\nnatuerlich begierig--\\\" Der Postmeister unterbrach sich; denn er\\r\\nbemerkte, dass ich schon laengst nicht mehr auf ihn hoerte, weil ich\\r\\nsonst ueber die Explikation das Schauspiel versaeumt haette. Ein Zug,\\r\\nabenteuerlicher, als ich ihn je gesehen, kam die Strasse herauf.\\r\\nZuerst, in grellroten Roecken mit messingnen Knoepfen, an der Seite\\r\\nmaechtige Saebel, die das Gehen erschwerten und den Mut gewiss nicht\\r\\nvermehrten, zwei ehrenfeste Maenner, voll edlen Selbstgefuehls, in\\r\\ndenen sich ehemalige Unteroffiziere der Reichsarmee, die vielleicht\\r\\nmanche Schlacht mit hatten verlieren helfen, und jetzige\\r\\nGerichts--und Polizeidiener nicht verkennen liessen. Dann, von zwei\\r\\nlahmen Pferden gezogen, ein Leiterwagen, auf dem der Held des Tages,\\r\\nder Triumphator, sass, dreifach gebunden, als ob er ein Herkules waere\\r\\nund noch etwas mehr. Hinterher die ganze waffenfaehige Mannschaft des\\r\\nFleckens, mit Mistgabeln, Aexten und Beilen, Stricken, genug mit allen\\r\\nmoeglichen Dingen, die der Leser nicht erwartet, armiert und nicht\\r\\nohne Stolz zu Frauen und Toechtern aufblickend und sie mit leichtem\\r\\nKopfnicken, da die Zeit nichts weiteres erlaubte, begruessend. Der\\r\\nWagen hielt; zwei alte Weiber, wovon eine der andern ihren breiten\\r\\nRuecken, der ihr das Sehen unmoeglich mache, vorwarf, fingen an, sich\\r\\nzu pruegeln, der Amtmann trat vor mit einem Gesicht, welches halb\\r\\nFragezeichen war, halb aber auch, der Wuerde des Amts gemaess,\\r\\nGedankenstrich. Die Gerichtsdiener machten Front und statteten beide\\r\\nzugleich, also so unverstaendlich wie moeglich, Rapport ab, der Amtmann\\r\\nwarf auf den Triumphator einen vernichtenden Blick, den dieser mit\\r\\nseinem ungezogensten Gaehnen erwiderte, dann rief er finster aus: \\\"Wo\\r\\nbleibt denn aber Schnock, der Schreiner, dass man ihn beloben, ihm\\r\\nseine Zufriedenheit bezeigen kann?\\\"--\\\"Heda, Meister Schnock,\\r\\naufgepasst!\\\" schrien die Gerichtsdiener, das verdriessliche Gesicht des\\r\\nAmtmanns und den muerrischen Ton seiner Stimme moeglichst getreu\\r\\nkopierend. Jetzt merkt\\\' ich auf; wer noch nie einen Gluecklichen\\r\\ngesehen hat, der betrachte sich einen deutschen Buerger, dem bei\\r\\nirgendeinem Anlass von Gerichts wegen die Versicherung erteilt wird,\\r\\ndass er ein ganzer Kerl sei. Nicht so schnell, als ich erwartet hatte,\\r\\naber doch schnell genug, um die Stirnfalten des Amtmanns nicht durch\\r\\nsein Zoegern zu verdoppeln, trat aus dem Haufen ein Mann heraus,\\r\\nbreitschultrig, von gewaltigem Knochenbau, aber mit einem Gesicht,\\r\\nworauf das erste Kindergreinen ueber empfangene Rutenstreiche\\r\\nversteinert zu sein schien; ein Baer mit einer Kaninchenphysiognomie.\\r\\nDer Amtmann erteilte ihm ein sparsames Lob wegen seiner bewiesenen\\r\\nHerzhaftigkeit, Schnock senkte wehmuetig den Kopf und schickte einen\\r\\naengstlichen Blick zu dem Gefangenen hinueber, der auf seinem Wagen in\\r\\nsanften Schlummer gefallen war oder sich doch stellte, als ob er es\\r\\nwaere. Der Amtmann zog sich in das Heiligtum der Amtsstube zurueck,\\r\\ndie Gerichtsdiener rissen den Gefangenen von seinem Sitz herunter und\\r\\nschwuren, er soll ihnen nicht zum zweitenmal entkommen, und wenn er\\r\\nauch die Kunst besaesse, sich in eine Fledermaus zu verwandeln. Die\\r\\nMenge zerstreute sich, nur Schnock blieb, als haett\\\' er einen\\r\\nBasilisken gesehen, regungslos auf dem Platze stehn. Der Mann\\r\\ninteressierte mich, ich trat zu ihm heran. \\\"Mein Freund,\\\" begann ich,\\r\\n\\\"Ihr seid sehr in Gedanken vertieft!\\\"--\\\"Weil ich ein geschlagener\\r\\nMann bin\\\", gab er zur Antwort. Ich stutzte und fragte weiter:\\r\\n\\\"Wieso? Wie kommt\\\'s, dass Ihr dies eben heut, wo Ihr Euch in so hohem\\r\\nGrade die Zufriedenheit Eurer Obrigkeit erworben zu haben scheint, so\\r\\nlebhaft fuehlt?\\\"--\\\"Eben darum,\\\" versetzte er heftig, \\\"wer buergt mir,\\r\\ndass der sich im Gefaengnis erdrosselt, oder sich mit Glasscherben die\\r\\nPulsader aufreisst? Gibt\\\'s der Herr,\\\" er meinte mich, \\\"mir etwa\\r\\nschwarz auf weiss, dass diesen heillosen Suender in der Einsamkeit die\\r\\nVerzweiflung packt? Und darf ich hoffen, dass er ausser dem Diebstahl,\\r\\nwegen dessen ihn der strengste Richter nicht zum Tode verurteilen, ja\\r\\nnicht einmal auf zeitlebens einstecken kann, noch eine Mordtat oder\\r\\nein anderes Halsverbrechen begangen hat?\\\"--\\\"Von wem sprecht Ihr denn\\r\\neigentlich?\\\" unterbrach ich ihn. \\\"Nun, von wem anders, als von dem\\r\\nBoesewicht, den ich das Unglueck gehabt habe zu arretieren. Haett\\\' ich\\r\\ndoch lieber zuvor ein Bein gebrochen! Aber niemand entgeht seinem\\r\\nschlimmen Stern, am wenigsten ich.\\\"--\\\"Ich begreife Euch bei Gott\\r\\nnicht!\\\" versetzte ich. \\\"Fuer jeden ordentlichen Buerger pflegt es ein\\r\\nFest zu sein, wenn ein dem oeffentlichen Wohl gefaehrlicher Mensch zur\\r\\nHaft gebracht wird.\\\"--\\\"O freilich, wenn er nur nicht selbst die Falle\\r\\nwar, in der der Fuchs sich erwischen liess!\\\"--\\\"Ich daechte, das waere\\r\\ngleichgueltig!\\\"--\\\"Wahrlich nicht fuer einen Mann, der ein Haus hat, das\\r\\nman ihm zur Nachtzeit ueberm Kopf anzuenden kann, und der sich gestehen\\r\\nmuss, dass sich in sein Fleisch so gut ein Loch bohren laesst, wie in\\r\\nandres. Meint Ihr, ein Kerl, der--Ihr koennt\\\'s nicht uebersehen\\r\\nhaben--auf\\\'m Wagen einschlaeft, waehrend ihn tausend Kehlen mit den\\r\\ngreulichsten Verwuenschungen ueberhaeufen, werde sich fuer die endlose\\r\\nLangeweile, der er im Kerker, und fuer die Quaelereien, denen er in den\\r\\nVerhoeren entgegengeht, nicht gegen mich Unglueckseligen, dem er das\\r\\nalles verdankt, auf seine Weise erkenntlich bezeigen? Was wird diese\\r\\nKroete zwischen den finstern Mauern des Gefaengnisses aushecken, als\\r\\ngiftige Racheplaene? Und wann hat man noch gehoert, dass einem\\r\\nBoesewicht missglueckt ist, was er sich vornahm? Hoechstens kommt man\\r\\nihm hintendrein auf die Spur; das weckt aber keinen wieder auf, der\\r\\neinmal mit einer acht Zoll tiefen Wunde auf\\\'m Kirchhof oder sonstwo\\r\\nverscharrt liegt. Dem Schlachtopfer ist\\\'s gleichgueltig, ob man den\\r\\nSchlaechter zu ihm in die Erde steckt.\\\"--\\\"Mir scheint, ein Mann, wie\\r\\nIhr, kann sich seiner Haut schon wehren; Euch geht, deucht mir, zu\\r\\neinem Riesen nicht viel ab, geschweige zu einem tuechtigen Schlaeger.\\r\\n\\\"--\\\"Oh,\\\" versetzte Schnock mit einem Seufzer, \\\"wie oft soll ich diese\\r\\nvermaledeiten breiten Schultern, diese luegenhafte, grossprahlerische\\r\\nLeibesgestalt, womit irgendein schadenfroher Teufel mich begabt hat,\\r\\nnoch verfluchen! Jeder, der mich nicht kennt, glaubt, dass ich Berge\\r\\nversetzen kann. Warum bin ich ungluecklich? Weil ich nicht einen\\r\\nKopf kuerzer bin. Wozu trieb mich meine Neigung in der Jugend, was\\r\\nwar der Wunsch meiner Wuensche? Schneider wollt\\\' ich werden, darum\\r\\nbat ich meinen Vater; die fuehren ein friedsames, geruhiges Leben,\\r\\nsprichwoertlich ist\\\'s, dass sie keine Courage haben, man erwartet von\\r\\nihnen nicht das Unglaubliche. Drang ich mit all meinen Bitten bei\\r\\ndem Vater durch? Junge, sagte er, nicht scherzhaft, sondern in\\r\\ngrimmigem Ton, bist du verrueckt? Du koenntest bei deinen Knochen und\\r\\nKraeften einen Ackergaul ersetzen, und wolltest gleich einem Affen,\\r\\nmit gekreuzten Beinen und loeschpapiernem Gesicht hinter dem Fenster\\r\\nauf\\\'m Schneidertisch hocken und Zwirn in die Nadel faedeln? Das ist\\r\\nwas fuer Krueppel, fuer Lahme und Verwachsene, damit komme mir nicht; du\\r\\nwirst mir, so Gott will! ein braver Schreiner! Natuerlich, er war ja\\r\\nselbst ein Schreiner, und das edle Handwerk waer\\\' zugrunde gegangen,\\r\\nhaett\\\' ich ein andres ergriffen. Gott vergeb\\\'s ihm, meinetwegen; ich\\r\\nvergeb\\\'s ihm nicht, hoechstens auf\\\'m Totenbett, wo man alles vergibt!\\\"\\r\\nSchnock ballte die Hand. \\\"Aber, lieber Meister,\\\" fragt\\\' ich weiter,\\r\\n\\\"warum liesst Ihr den Dieb nicht entschluepfen, wenn es Euch so\\r\\nbedenklich schien, ihn festzuhalten? Das stand ja doch bei\\r\\nEuch?\\\"--\\\"Keineswegs,\\\" erwiderte Schnock; \\\"man ist selten oder nie\\r\\nHerr seines Willens. Ich war den uebrigen vorgelaufen, nicht etwa, um\\r\\nmir ein Ansehen zu geben, sondern um ihnen moeglichst bald aus den\\r\\nAugen zu kommen und bei der Hetze gegen brutale Aufforderungen zum\\r\\nHilfeleisten gesichert zu sein. Ploetzlich, da ich eben den Sprung um\\r\\nein Gebuesch mache, faehrt mir das Teufelswildbret, ich meine meinen\\r\\nArrestanten, entgegen. Ich schaudre zusammen; denn das laute Hurra,\\r\\ndas aus hundert Kehlen hinter mir erschallt, sagt mir\\\'s gleich, dass\\r\\nmein niedertraechtiges Jagdglueck nicht unbemerkt geblieben ist.\\r\\nDennoch haett\\\' ich, ohne Ruecksicht auf spaetere Foppereien und\\r\\nAnzueglichkeiten, dem Kerl gern den Vorsprung gelassen und zu hinken\\r\\nangefangen; aber der war wie unsinnig, statt zu entspringen, blieb er\\r\\nstehen, rollte die Augen, ballte die Faust gegen mich und fuhr\\r\\nendlich damit, als wollt\\\' er ein Messer oder gar eine Pistole\\r\\nhervorziehen, in die Tasche. Da ergriff mich Angst und Grausen;\\r\\nnicht aus Tollkuehnheit, wie die herbeieilenden Esel, die mir schon\\r\\naus der Ferne ein Bravo ueber das andere zuschrien, glauben mochten,\\r\\nsondern aus Furcht macht\\\' ich mich ueber ihn her, rang mit ihm und\\r\\nwarf ihn zu Boden. Dass seine Taschen leer waren, wie sich\\\'s bei der\\r\\nVisitation fand, konnt\\\' ich nicht wissen, und gegen Schuss und Stich\\r\\nmusst\\\' ich mich sichern.\\\" Ein Bursch kam in diesem Augenblicke eilig\\r\\nauf uns zu. \\\"Ich komme schon!\\\" rief Schnock ihm entgegen und machte\\r\\nmir zugleich eine Abschiedsverbeugung. \\\"Ihr irrt Euch, Meister,\\\"\\r\\nsagte der Bursch mit unterdruecktem Lachen, \\\"ich suche diesmal nicht\\r\\nEuch, ich geh\\\' auf die Apotheke, um Hoffmannstropfen zu holen, Eure\\r\\nFrau hat Kopfweh und liegt zu Bett.\\\"--\\\"So sagst du nicht,\\\" versetzte\\r\\nSchnock, \\\"dass du mich gesehen hast.--Wenn die Kopfweh hat,\\\" fuhr er,\\r\\nsich wieder zu mir wendend, fort, \\\"ist\\\'s goldne Zeit fuer mich; dann\\r\\nfuehl\\\' auch ich einmal, dass ich noch auf der Welt bin. Ihr muss\\r\\nwirklich zuvor das Schlimmste begegnet sein, ehe mir was Gutes\\r\\nbegegnen kann; als sie juengst wegen Zahnschmerz und Backengeschwulst\\r\\nvierzehn Tage lang das Maul nicht oeffnen konnte, hatt\\\' ich den Himmel\\r\\nauf Erden.\\\" Ich lud Schnock ein, mich ins Posthaus zu begleiten und\\r\\ndort eine Flasche Wein mit mir auszustechen. \\\"Ich weiss mich\\\", sagte\\r\\nich, als er bedenklich zu zoegern schien, \\\"vor Langeweile nicht zu\\r\\nlassen, und wo find\\\' ich Gesellschaft?\\\" Er willigte ein, und nicht\\r\\nlange dauerte es, so sassen wir uns auf meinem Zimmer mit gefuellten\\r\\nGlaesern gegenueber. Es gibt untruegliche Kennzeichen, wodurch sich der\\r\\ngeuebte Trinker von dem angehenden unterscheidet; wenn dieser, waehrend\\r\\ner das suesse, fluessige Feuer hinuntergiesst, die Augen wolluestig\\r\\nzukneift, und in innigem Behagen noch mit dem letzten Tropfen die\\r\\nZunge erquickt, so spritzt jener bloss ein wenig den Mund, trinkt mit\\r\\noffnen Augen und ignoriert den Tropfen, da er die Erfahrung gemacht\\r\\nhat, dass dieser Nachzuegler den Durst, statt ihn zu loeschen, nur aufs\\r\\nneue weckt. Schnock, das sah ich gleich, war kein angehender Trinker;\\r\\ner trank das erste Glas nur, um recht bald zum zweiten zu kommen,\\r\\nund an eine Entsiegelung seines inneren Menschen, auf die ich mich\\r\\nfreute und derentwegen ich ihn eingeladen hatte, war von Entsiegelung\\r\\nder dritten Flasche nicht zu denken. Ich gab mich gegen ihn fuer\\r\\neinen geschiedenen Ehemann aus und sagte, ich haette bloss darum mein\\r\\nVaterland verlassen, weil mein rachsuechtiges Weib mir ihre saemtlichen\\r\\nLiebhaber, einen nach dem andern, mit Herausforderungen auf den Hals\\r\\nschicke, was mir ueber kurz oder lang das Leben kosten koenne. Diese\\r\\nEroeffnung machte ihn treuherzig, aber eine Unvorsichtigkeit, die ich\\r\\ngleich hernach beging, haette das guenstige Vorurteil, das er fuer mich\\r\\nzu fassen begann, fast im Keim wieder zerstoert. Ich zog naemlich,\\r\\nweil sie mir unbequem waren, meine Taschenpistolen hervor und legte\\r\\nsie neben mich auf den Tisch. Ploetzlich--er war schon in recht\\r\\nlebhaften Mitteilungen ueber sein Maertyrertum begriffen\\r\\ngewesen--stockte der Fluss seiner Rede, er entfaerbte sich und sah mich\\r\\nan. Ich bemerkte die Veraenderung, die mit ihm vorgegangen war,\\r\\nfrueher, als ich sie begriff, und bemuehte mich, ihrer Ursache auf die\\r\\nSpur zu kommen, aber schneller als all mein Nachsinnen verhalf mir\\r\\neine zufaellige Bewegung meiner Hand zur Aufklaerung ueber den\\r\\nzweifelhaften Punkt. In der Zerstreuung ergriff ich eine der\\r\\nPistolen, die ungeladen waren, und spannte spielend den Hahn; da\\r\\nsprang Schnock von seinem Stuhle auf und versicherte mir mit einem\\r\\nGesicht, welches gegen den Mund die buendigste Protestation einlegte,\\r\\ner halte sich in meiner Gesellschaft fuer sicher. \\\"Ihr seid\\\'s\\r\\nvollkommen, lieber Meister,\\\" versetzte ich; \\\"die Dinger da drueckten\\r\\nmich, ich fuehre sie zu meiner Verteidigung auf Reisen bei mir, aber\\r\\num mich nicht selbst zu schaedigen, lade ich sie nicht, ausser wenn ich\\r\\nbei Nebel und Nacht durch dicke Waldungen komme.\\\" Zum Zeugnis der\\r\\nWahrheit meiner Relation drueckte ich die Pistole, welche ich eben in\\r\\nder Hand hielt, ab. \\\"Ich\\\", entgegnete Schnock, indem er sich wieder\\r\\nmit alter Behaglichkeit niederliess, \\\"wuerde doch Pistolen und\\r\\ndergleichen niemals mit mir fuehren; denn davon bin ich ueberzeugt,\\r\\nwenn die Gefahr wirklich an den Mann herantritt, so vergisst man\\\'s\\r\\nentweder, dass man sie hat, oder man schiesst beim Abfeuern fehl und\\r\\nreizt so den Menschen, der es vielleicht nur auf einfache Raeuberei\\r\\nabgesehen hatte, zu Mord und Blutvergiessen.\\\"--\\\"Ihr habt nicht unrecht,\\\"\\r\\nerwiderte ich, mein Lachen verbeissend, was mir, wenn\\\'s mir nur\\r\\neinmal gelingt, immer gelingt, \\\"und da waer\\\'s gar moeglich, dass man,\\r\\nnachdem man durch die erste Pistole den Mordgedanken erweckte, durch\\r\\ndie zweite niedergestreckt wuerde; ich setze den Fall, dass der Raeuber\\r\\nkeine Waffe bei sich fuehrt und sich ihrer bemaechtigt.\\\"--\\\"Freilich,\\r\\nfreilich!\\\" versetzte Schnock und trank, sichtlich erfreut, zwei\\r\\nGlaeser hintereinander. Die dritte Flasche war halb geleert, da stand\\r\\ner ploetzlich auf, trat mit pfiffigwichtiger Miene vor mich hin und\\r\\nfragte mich: \\\"Sagt mir doch, bin ich eigentlich feig?\\\"--\\\"Es scheint\\r\\nwohl nur so!\\\" antwortete ich, einigermassen verdutzt. \\\"Gewiss!\\\"\\r\\nversetzte er und nahm wieder Platz, \\\"dass ich\\\'s nicht bin, davon,\\r\\nglaub\\\' ich, hab\\\' ich Euch heute den Beweis gegeben. Ich traue Euch\\r\\nnichts Boeses zu, bei Gott nicht! sonst waer\\\' ich keine fuenf Minuten\\r\\ngeblieben; aber, dies koennt\\\' Ihr nicht leugnen, Ihr seid mir\\r\\nwildfremd. Ihr ladet mich ein, Euch auf Euer Zimmer zu begleiten und\\r\\nWein mit Euch zu trinken, jeder andere haette, und mit Recht, aus\\r\\nEurer Splendiditaet Argwohn geschoepft und die sonderbare Einladung mit\\r\\nAbscheu abgelehnt; ich unterdruecke meinen Verdacht und gehe mit Euch.\\r\\nIch denke, ich bin nicht feig!\\\"--\\\"Ei, Meister Schnock,\\\" erwiderte\\r\\nich, \\\"wie kommt Euch denn der Einfall, dass Ihr feig waeret?\\\"--\\\"Weil,\\\"\\r\\nversetzte er hastig und schenkte sich ein, \\\"weil sie mich alle fuer\\r\\nfeig halten, ja, weil ich, Stunden, wie diese, ausgenommen, selbst\\r\\ndas ganze Jahr hindurch, Gott weiss, woran es liegt! glaube, dass ich\\\'s\\r\\nbin.\\\" Jetzt verschwand bei ihm die letzte Spur von Zurueckhaltung, um\\r\\nso mehr, als er erfuhr, dass ich nicht im Orte bleibe, sondern gleich\\r\\nden naechsten Tag wieder abreise, er machte